Die Wanderung nach Santiago de Compostela Wer hatte die "Gigu-Idee"?
 
 
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Nach eineinhalb Jahren Planung, einigen Testläufen und Sitzungen wanderten wir also los. Wir trafen uns in Calpe, wo wir von Freunden verabschiedet wurden. Die ersten Tage waren ja mehr ein "Gehen zum Camino", das heisst wir hatten die Planung wie wir nach Villena kommen selber gestaltet und einen direkten Weg über die Berge gewählt. Die Alternative wäre gewesen zuerst nach Alicante und dort beim Startplatz zum Camino del Sureste zu beginnen. Mit vielen Schmerzen und auch Stolz erreichten wir Ibi, wo Elsbeth leider wegen einem geschwollenen Knöchel nicht mehr gehen konnte. Nach zwei Tagen mit dem Taxi nachfahren, entschied sie sich ihr Auto nachkommen zu lassen und uns drei Übriggebliebene jeweils am Zielort zu empfangen.

Ab Villena waren wir also auf dem Camino Sureste. Unsere Unterlagen, mit Planskizze und spanischem Beschrieb, fingen erst ab diesem Moment an. Doch leider waren sie oft haarscharf daneben, was Ruedi dazu bewog den Beschrieb nur noch "Globibuch" zu nennen. Oft wussten wir nicht ob wir dem Beschrieb glauben sollten oder dem Plan, naja meistens sind wir nach Gefühl gegangen, was auch nicht so schlecht war, denn nach ein paar hundert Meter trafen wir dann unsere gelben Flechas (Pfeile) wieder, die uns den Weg weisen sollten. Nur Ruedi wollte anfangs seinen Gefühlen nicht so recht freien Lauf lassen, es war ihm lieber gleich einen Pfeil zu sehen als zu spekulieren. Aus Foto-Chip-technischen Gründen fehlen uns von den ersten Tagen die Aufnahmen, bis zu dem Moment als ich ein Geschäft gefunden habe, in welchem sie bereits wussten, dass es digitale Fotografie gibt und ausserdem auch noch den passenden Chip hatten. Wie man sieht waren wir da schon in der La Mancha.

Die ersten 2 - 3 Wochen waren extrem heiss (bis zu 40 Grad im Schatten), der Wasserverbrauch der am Morgen immer auf unseren Schultern lastete betrug 3,5 bis 4,5 Liter pro Person, die einzigen Schatten waren unsere eigenen. Am Morgen waren wir "Massai`s", am Mittag wurden wir zu Käfern auf zwei Beinen, was auf dem Foto gut zu sehen ist. Gegen Abend freuten wir uns nur noch auf das kühle Bier in einer Bar an unserem Zielort. Ein Spruch der oft vorkam war: "Beim nächsten Baum machen wir Rast". Wir wanderten oft stundenlang ohne in unserer Nähe ein Schattenplatz anzutreffen. Wir fingen auch an Distanzen zu schätzen. Das erste was man von einem Dorf sieht ist ja immer der Kirchenturm, sind es nun 5, 7 oder 10 Km bis ans Ziel? Wir gingen ja einen Schnitt von 5 Km pro Stunde und so wussten wir bei eben dieser Kirche auch wieviele Kilometer es waren, meistens waren es mehr als geschätzt. Wenn wir auf Tempo gingen, formierten wir einen sogenannten "Zug". Das bedeutete ich musste die Lokomotive spielen und meine zwei Kumpels in Reih und Glied hinterher. Mir war es egal das Ziel stundenlang vor Augen zu haben ohne erkennbare Annäherung, denn ich wusste irgendwann kommen wir nach Santiago.

So blieb uns nichts anderes übrig als ab und zu unsere Rast auf diese Weise zu gestalten. Es war jeweils lustig, sofern man Zuschauer war, nicht die Rast sondern wie wir wieder gestartet sind. Wir waren immer froh wenn uns dabei Niemand zugeschaut hat. Beim Aufstehen haben wir uns eine Hebevorrichtung gewünscht und die ersten Schritte waren immer fusslange Trippelschritte mit schmerzverzerrten Gesichtern. Unter Publikum haben wir auf Indianer gemacht und immer cool gelächelt, dabei auch nur Trippelschritte gemacht jedoch so, dass Niemand bemerkte wie schmerzhaft es war. Jeder hätte sonst gesagt die schaffen es nie nach Santiago. Erst nach Wochen wurde es etwas erträglicher, es dauerte aber länger als gedacht. Wenn wir so einen "Zug" gemacht hatten, ich in Gedanken versunken das Tempodiktat übernommen, hatten wir oft einen Affenzahn drauf und erst nach Stunden, bei einem Ausspruch von Ruedi, dass die Marlis nicht mehr so recht Bodenhaftung habe wurde mir das Tempo bewusst. Ab und zu hörte ich wie mein "zack, zack" der Stöcke nur halb so schnell tönte wie das "zack, zack, zack, zack" von Marlis hinter mir.

Ab und zu übernachteten wir in Herbergen. Eine Herberge war die genialste, die in Novés, ein Reiheneinfamilienhaus im Zentrum des Dorfes. Gut, etwas alt aber mit zwei Doppelzimmer, gefülltem Kühlschrank (auch Bier), sonnigem Innenhof und einer Sitzbadewanne mit Duschschlauch. Zwar nur kaltes Wasser, was aber bei den hohen Temperaturen nicht so störte. Die Pirelli unterhalb der Brustwarzen waren übrigens bis Santiago weg (jetzt sind sie wieder da). Das tägliche Fussbad mit anschliessendem abschleifen der Hornhaut gehörte dazu, ebenso das morgentliche vollpflastern der Füsse von zwei Personen (links und rechts) ohne zu sagen wer. Ich hatte auch meine Schmerzen, nur eben keine Blasen. Oft haben wir Eiswasser gemacht um die Körpertemperatur zu senken. Ja ja gelächelt haben sie, jedenfalls zu dem Zeitpunkt noch die Superwanderer, reiner Zweckoptimismus.

Die Marlis hatte öfters so einen Drang sich in die Büsche zu schlagen, sie ist ja eine Sammlerin. In diesem Moment war nicht klar welchem Geschäft es diente, wir nahmen an sie wollte nur ein paar Trauben essen. Trauben brauchten wir auch mal als Getränkeersatz, als wir uns (oder unser Globibuch) sich in der Distanz irrten. Je nach Distanzvorgabe nahmen wir ja Wasser mit, wenn Diese aber dann 6 bis 10 Km mehr betrug, bekamst du nicht nur ein Problem im Kopf sodern auch mit der Flüssigkeit. Einmal dachten wir, weil wir Häuser aus der Ferne sahen, dort muss unser Ziel sein, es hätte ja schon längst sein sollen. War es aber nicht, denn dort sahen wir erst wo es wirklich war, nämlich noch etwa 4 Km entfernt und wir hatten beinahe kein Wasser mehr also behalfen wir uns mit etwas Trauben was mir aber auch nicht so recht gefiel, weil meine Hände ganz klebrig wurden und an den Stöcken klebten. Der interessierte Leser merkt jetzt sicher: "Die gingen schon an Stöcken". Ohne Witz jetzt, ich würde diese Wanderung nie ohne Walkingstöcke machen wollen, die helfen bei der Belastung auf Rücken und Beingelenke ungemein.